db deutsche bauzeitung: Architekturversteckspiel

Turnhalle wird Orchestersaal, Umkleiden werden Bibliothek: Für den Musikzug brauchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium mehr Raum. LRO erweiterte diskret – und zeigte nebenbei, wie man ein zartes 1950er-Ensemble denkmalgerecht ins 21. Jahrhundert holt.

Loriot gehört zu den bekannten Abiturienten der Schule, ebenso wie Eduard Mörike, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und viele andere. Das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium ist stolz auf seine humanistische Tradition, die bis ins Gründungsjahr 1686 zurückreicht. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bezog die Schule 1957 einen Neubau in bester Halbhöhenlage Stuttgarts; eine leichte, lichtdurchflutete Architektur mit großzügig verglasten Fassaden gewährt seither eine fantastische Aussicht über die Stadt. Wenn ein freier Blick freies Denken fördert, dürfte die Schule auch weiterhin zahlreiche Geistesgrößen hervorbringen. Zumal sie inzwischen auch einen Gymnasiumszug für musikalisch Hochbegabte bietet. Er war zuletzt so gefragt, dass die vorhandenen Räume nicht mehr ausreichten. Die notwendige Erweiterung nahm die Stadt zum Anlass, auch den denkmalgeschützten Bestand grundlegend zu sanieren. Den Auftrag erhielt das Büro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei – ein »perfect match«, denn das Büro verfügt nicht nur über viel Erfahrung im Schulbau, sondern hat über die vergangenen Jahrzehnte auch ein Formenrepertoire entwickelt, das deutliche Anklänge an die schwungvolle Heiterkeit der 1950er-Jahre-Architektur zeigt.

Luftiges Ensemble aus den 1950ern

An einem sonnigen Nachmittag im Januar bin ich mit dem Projektleiter Klaus Hildenbrand zur Besichtigung verabredet. Der Altbau setzt sich aus vier Körpern zusammen, die die Architekten Adolf und Hans Bregler seinerzeit behutsam in den alten Baumbestand hineinkomponiert hatten, sodass die großen Glasflächen von Beginn an gut verschattet waren. Als Rückgrat des Schulkomplexes dient ein langer, fünfgeschossiger Riegel, der sich senkrecht in den Hang schiebt. An seiner Westseite liegen die Flure, an seiner Ostseite die Unterrichtsräume, für den damals üblichen Vormittagsunterricht zur Morgensonne ausgerichtet – und wie nebenbei zur Aussicht über die Stadt orientiert. Zur Rechten des Hauptriegels bildet ein vorgelagertes, dreigeschossiges Volumen mit weiteren Unterrichtsräumen die Adresse zur Straße. Ganz zur Linken überdeckt ein aufgeständerter, flacher Verwaltungstrakt die bisherige Aula und Pausenhalle. Ihre Funktion lässt sich noch immer an dem Natursteinbelag in natürlicher Bruchoptik ablesen, der von außen nach innen durchläuft, auch wenn der Raum heute als Mensa dient. Weiter oben am Hang liegt der vierte Baukörper, der einen großen Saal beherbergt, früher Turnhalle, jetzt Orchesterraum. Durch dieses luftige Gesamtlayout, wie es bei heutigen Neubauten aus wirtschaftlichen und energetischen Gründen undenkbar wäre, kommen selbst Flure und Nebenräume in den Genuss von reichlich Tageslicht. Jedem Körper haben die Breglers dabei eine etwas andere Fassade gegeben und dann jede einzelne Schauseite weiter ausdifferenziert, indem sie unterschiedliche Raumfunktionen außen andeuten, etwa wenn sich das Foyer des Hauptriegels mit einem eigenen Fensterraster von den Unterrichtsräumen abhebt. All dies trägt dazu bei, die Größe des Schulgebäudes – schon im Bestand rund 9 500 m² – angenehm zu überspielen.

© Roland Halbe
© Roland Halbe

Neue Nutzungen, versteckte Volumina

Klaus Hildenbrand erläutert das Konzept des Umbaus. Für die neuen Musikräume erhielt der Riegel einen Annex im Norden, von der Straße nicht zu sehen, ganz im Sinne des Denkmals. Der Zuschnitt des Areals führte hier zu einem trapezförmigen Gebäudegrundriss, der die Akustik für Gesangs- und Instrumentalunterricht verbessert, indem es zu weniger Flatterechos zwischen parallelen Wänden kommt. Ein großer Orchestersaal fand in der ehemaligen Turnhalle Platz. Sie entsprach nicht mehr den Standards der Stadt Stuttgart, zudem waren Dach und Südfassade inzwischen brandschutztechnisch inakzeptabel, sodass hier ein größerer Eingriff möglich war. Komplett neu ausgekleidet, ist der Saal für Konzerte und Veranstaltungen mit mehreren Hundert Personen ausgelegt. Die kleine Nebenzone, in der früher Matten und Turngeräte lagerten, nimmt jetzt Regiepult und Klangtechnik auf. Seine akustischen Qualitäten wird der Saal noch beweisen müssen, doch beim schnellen Klatschtest im unbesetzten Zustand ist ein vielversprechender Nachhall – nicht zu lang, nicht zu kurz – zu hören. Die ehemaligen Umkleiden im Stockwerk darunter wurden zur Schulbibliothek umgenutzt.

Einen weiteren Anbau haben LRO diskret im Hof versteckt. Im Untergeschoss gräbt sich die neue Turnhalle in den Hang, das Erdgeschoss bleibt als überdachte Pausenfläche offen und die aufgeständerten oberen Stockwerke nehmen den Trakt für die Naturwissenschaften auf. Diesem neuen Flügel kommt eine wichtige Rolle beim schonenden Umgang mit der Denkmalsubstanz zu: Indem er fast alle Nutzungen mit hohem Installationsgrad bündelt, konnten dem bestehenden Gebäude größere haustechnikbedingte Eingriffe erspart bleiben. Außerdem fand hier ein Aufzug Platz, der jetzt sämtliche Ebenen des langen Hauptriegels barrierefrei zugänglich macht. Und nicht zuletzt dient das Treppenhaus des Anbaus gleichzeitig als Rettungsweg für den Bestand. Denn dessen Erschließung war unter Brandschutzaspekten ein Totalausfall. Eine Kaskadentreppe in den breiten Fluren verbindet alle Stockwerke miteinander – die großzügige Offenheit schafft wunderbare Blickverbindungen, doch bei einem Feuer könnte Rauch sich ungehindert ausbreiten. Ergänzt wird das Fluchttreppenhaus daher jetzt von neuen Bypasstüren zwischen den Unterrichtsräumen. Sie bilden eine Enfilade, deren Ende sich eine Besonderheit des Hanggrundstücks zunutze macht: Aus jedem Stockwerk gibt es einen ebenerdigen Zugang ins Freie.

Entwurfliche Doppelstrategie

Beim Rundgang durchs Gebäude lassen sich die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen ablesen, mit denen LRO zwischen Neu- und Altbau unterscheiden. Die Ergänzungstrakte greifen Merkmale des Bestands auf, etwa Aufständerung, Betonskelettbauweise und Bandfassade. Auch die Bekleidung aus gewellten Faserzementplatten, einem typischen Material der 1950er Jahre (man denke z. B. an das Berliner Eternit-Haus von Paul Baumgarten), knüpft Bezüge zum Bestand. Dennoch sind die Anbauten als autonome Neuschöpfung erkennbar. Ganz anders im Altbau: Hier haben die Architekten komplett auf eine eigene Handschrift verzichtet, sich ganz in den Dienst des Denkmals gestellt und unvermeidbare Eingriffe so unauffällig wie möglich getarnt. So waren etwa die Treppengeländer zu niedrig und die senkrechten Stahlstäbe standen zu weit auseinander. Die Architekten ließen je ein Stück oben anschweißen und anschließend den originalen Holzhandlauf wieder montieren, der jetzt auf der vorgeschriebenen Höhe verläuft. Die Abstände zwischen den Stangen wurden mit wellenförmig angeordneten Schrägstäben verringert, wie man sie von typischen Balkongeländern der 1950er Jahre kennt. Das Bauteil wirkt, als habe es sich nie geändert. Erstaunlich, dass die Denkmalpflege hier mitspielte, legt sie doch sonst meistens Wert auf die Ablesbarkeit von Eingriffen und lehnt »kreative Denkmalerfindung«, also historisierende Verfälschungen des Originals, ab. Andererseits: Das neue Detail vermeidet gestalterische Brüche und trägt zu einem harmonischen, einheitlichen Raumeindruck bei.

© Roland Halbe
© Roland Halbe

Ohne Verlust energetisch modernisiert

Die energetische Ertüchtigung geschah nahezu unsichtbar. Das Gros der Fenster ließ sich restaurieren. In den weißen Stahlrahmen von Foyer, Fluren und Mensa wurde die alte Einfach- gegen eine Isolierverglasung ausgetauscht, dank weißer Abstandshalter zwischen den Scheiben fällt die Änderung nicht auf. Die Verbundfenster aus Holz in den Unterrichtsräumen blieben sogar ganz erhalten. Im Scheibenzwischenraum erhielt das innere Glas eine Wärmeschutz-, das äußere eine Sonnenschutzfolie, um den Energiedurchlass zu verringern. Die Schwingflügel sind jetzt dank Öffnungsbegrenzern sicherer. Bei den alten Fallarmmarkisen ließen die Architekten die Mechanik aufarbeiten und lediglich den Stoff gegen ein Replikat austauschen. Die Fenster beim Lehrerpult, ursprünglich ganz ohne Sonnenschutz, bekamen Markisen mit ähnlicher Mechanik und gleichem Stoff. Die Dächer schließlich sind jetzt begrünt und besser gedämmt. Die Zusatzlasten kann der statisch ausgereizte Bestand nur deshalb schultern, weil die alte Dämmung aus Schaumbeton einem deutlich leichteren Material wich.

An vielen Stellen wurden Betonbauteile denkmalgerecht saniert, Schadstoffe entfernt, Stahlbauteile entrostet, Farbflächen nach Befund wiederhergestellt, alte Brandschutztüren mit Folien und Dichtungen ertüchtigt, Möbel ausgebaut, aufgearbeitet und wieder eingebaut, die Elektrik ausgetauscht und vieles mehr – auch dies alles nahezu unsichtbar. Der Rundgang fühlt sich an wie eine Zeitreise in die 1950er Jahre, so gut steht die Originalsubstanz vor Augen. Neben den Architekten ist hier auch die Stadt Stuttgart zu loben, die bereit war, viel Geld in die aufwendige Sanierung zu investieren und auch den nicht ganz günstigen Unterhalt des Gebäudes weiterhin zu finanzieren. Hoffentlich wissen Schüler und Lehrkräfte dieses Engagement zu schätzen, wenn sie im Herbst einziehen. Schade, dass ich schon ein Abitur habe, in diesen Räumen würde ich es sofort noch einmal machen …

Online-Veröffentlichung db 4|2026: Denkmalgerecht saniert – Gymnasium in Stuttgart von LRO

Text: Christian Schönwetter


Die energetische Ertüchtigung geschah nahezu unsichtbar. Ein Großteil der Fenster wurde mit unserem System GUTMANN Mira contour ausgeführt. Die Kombination aus langlebiger Aluminium-Außenschale und hochwertiger Holzinnenseite verbindet technische Präzision mit einer klaren, zeitlosen Anmutung und fügt sich sensibel in den denkmalgeschützten Bestand ein.

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